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Ein persönlicher Abschlußbericht von Johannes Rühl

Was für manche zunächst wie ein albernes Spiel aussah, stellte sich am Ende als ernstes zeitgeschichtliches Unternehmen heraus. Erst mit der Zeit haben wir begriffen, was wir mit dieser Aktion bei vielen Menschen ausgelöst haben. Kurz vor 12 Uhr am 31.12. als der Briefschlitz zugeschweißt werden sollte, stürzten Menschen herbei und quetschten ihe Briefe in die schmale Öffnung. Der Metzger von gegenüber hatte seinen Brief extra in Folie versiegelt, es half nichts, er paßte nicht hinein. Also riß er die Folie auf und war am Ende froh, daß sein Brief noch mitging... Ein Reporter vom SWR wollte seine eben aufgenommene Cassette hineinwerfen. Da der Schlitz zu schmal war, wickelte er das Band einfach ab und fummelte es in den Briefschlitz.

Die Rottweiler postbox ist am Freitag den 31.12.99 unter den Sounds von Jürgen Grözinger und Joachim Glasstetter (Donauklangforschung) auf dem Platz vor dem Kapellenturm in Rottweil in den Betonsarkophag versenkt worden.

Die Szenerie hatte etwas ergreifendes, mich jedenfalls und viele andere Menschen auch, hat der Moment tief bewegt. Am frühen Morgen haben wir den Container in die Werkstatt von Prof. Erich Hauser gebracht und geleert, gesäubert und dann frisch verpackt in Plastikkörbe die Briefe wieder eingebracht, eine Plane darüber gelegt, darauf einen ganzen Stapel Zeitungen vom 31.12.99 und unter dem Briefschlitz einen Pappkarton gelegt, damit die letzten Briefe nicht auf dem Metall liegen bleiben. Dann machten wir eine schlimme Entdeckung, daß die Nuten rund um die Tür von Regen und Schnee mit Wasser vollgelaufen waren. Mit Preßluft und Schweißbrenner mußte mühsam das ganze Wasser entfernt werden. David Besenfelder versuchte mit dem Schweißgerät die Nutzen und Ritzen so weit zu erhitzen, bis hoffentlich alles Wasser verdampft war.
Am Ende gelang es ihm, die schwere Tür luftdicht zu verschweißen. Nur noch der Briefschlitz war geöffnet.

Dann wurde der Container vor den Kapellenturm gefahren und es kamen zahllose Menschen, um im letzten Moment noch Briefe einzuwerfen. Bald haben wir darauf verzichtet die Briefe zu registrieren, da das zu viel Zeit in Anspruch genommen hätte. Wir haben sie nur noch notdürftig gezählt.

Die Idee zur postbox (die damals noch keinen Namen hatte) ist mir vor etwa zwei Jahren gekommen, als ich noch nicht in Rottweil war, sondern in Hanoi (Vietnam) an der Filmhochschule unterrichtete. Ich habe sie allerdings schon mit Blick auf meine neue Aufgabe in Rottweil entwickelt. Es ging mir darum, etwas zum Jahr 2000 zu machen und ich wollte etwas bleibendes hinterlassen. Außerdem mag ich Projekte, die von einer großen Beteiligung leben. Nie habe ich an die Vermarktung der Stadt oder andere Nebeneffekte gedacht. Mir ging es einzig darum, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich über die Zeit nach ihnen selbst Gedanken zu machen, eine Möglichkeit, die man in dieser Form niemals im Leben hat. Denn die Vorstellung eines Adressaten macht das Schreiben sehr verbindlich, wenn auch in eine Zeit, die man selbst nicht erleben wird. Es könnte einem ja egal sein, oder eben auch nicht. Diese Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muß, ist mir wichtig.

Gerne können Sie das Projekt als Kunstwerk betrachten, ich sehe es jedenfalls so, bemühe mich aber nicht darum, daß andere das auch so sehen, es ist am Ende auch völlig unwichtig. Die postbox ist viel zu ehrlich und authentisch, als daß man sich zu lange mit solchen Fragen beschäftigen sollte.
Auffallend ist, daß sich viele Menschen von der Idee begeistern lassen, andere eher ablehnend gegenüber stehen, gleichgültig ist kaum jemand gewesen. Viele, auch aus meinem engsten Umfeld, die zunächst von der Idee begeistert waren, haben dann am Ende aber doch nicht geschrieben. Manche sagten mir, daß es zu schwer war und sie sich im letzten Moment dann doch entschieden hatten, nichts beizutragen.

Tatsächlich habe ich mit viel mehr Briefen gerechnet. Wir haben die Box für 40.000 Briefe gebaut. So viele sollten es nicht werden, die Größe ergab sich aus dem maximalen Plattenmaß von 1,5 m Länge. Aber mit 5.000 bis 10.000 Briefen hatte ich schon gerechnet. In den ersten Wochen nach dem 23.9.99 kamen am Tag vielleicht fünf bis zehn Briefe und wir mußten befürchten, daß das Projekt an mangelndem Zuspruch zu scheitern drohte. Die Medienresonanz war allerdings so gewaltig (über 22 Millionen Auflage der uns bekannten Drucksachen in denen über die postbox berichtet wurde, zudem wurde das Projekt auch in vielen Rundfunk- und Fernsehsendungen besprochen.)

In Rottweil drohte die Stimmung gegenüber dem Projekt zeitweise zu kippen. Erst gegen Weihnachten stieg die Zahl der eingehenden Briefe rasant an und in den letzten beiden Tagen haben wir etwa 1/3 aller Briefe erhalten.
 
 

Johannes Rühl
im Januar 2000