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Warum die Rottweiler postbox nicht vergessen wird

Zeitkapseln werden gerne vergessen. 100 Jahre sind eine lange Zeit. Auch darüber haben wir uns viele Gedanken gemacht. Wenn 3800 Menschen einen Brief abgegeben haben, ist zu vermuten, daß das Wissen um ihre Existenz bei Einigen über die hundert Jahre erhalten bleiben sollte. Ein paar Hundert haben eine Empfangsurkunde erhalten, die ebenfalls für die Erinnerung an das Projekt sorgen. 98 Medaillen mit der eingeprägten Briefnummer haben wir verkauft. Kaum jemand wird seine Medaille wegwerfen. Im Stadtarchiv Rottweil lagern Kopien von zahlreichen Dokumenten. Außerdem ist dort die verkleinerte versiegelte Replik der postbox aufgehoben. Darin sind all die Briefe enthalten, die nach dem 31.12.1999 eingegangen sind.

DIE ZEIT: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

INTERNATIONAL TIME CAPSULE SOCIETY: Anleitung über den Umgang mit Zeitkapseln (englisch)
 

  
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DIE ZEIT Millenniumsseiten im Internet
(im Internet September 1999 bis ca. Februar 2001)

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Sie wollen die Zeit anhalten? Dann heben Sie doch einfach ein Stück Ihres Lebens auf, stecken es in eine Box und vergraben diese Kapsel in der Erde. Dann bleibt nur noch eines: Hoffen, dass jemand die Kiste wiederfindet. 

Von  Nadine Oberhuber

Es wird eng unter der Erde. Menschen zerfallen früher oder später und sind ? abgesehen vom Ötzi - archäologisch nicht besonders wertvoll. Aber auch Langlebiges hat sich in den letzten Jahrhunderten zu unseren Füßen angesammelt und erzählt uns heute von einer fremden Zeit, allerdings nur, wenn es zufällig gefunden wird. So wie die Salatblätter von Rottweil. Die haben unsere Vorfahren gegessen und unfreiwillig ein paar Reste übriggelassen. Jetzt kleben sie mit ein paar Samen auf Steingutscherben. Monatelang haben die Archäologen gesucht und gegraben bis sie die zertrümmerten Keramikschalen zufällig fanden. Unsere Nachkommen sollen es da mal leichter haben. Wir werden ihnen unsere Zeit gebündelt hinterlassen, in Boxen und Bunkern, gut sortiert und gut erhalten. Wir denken voraus: Irgendwann wird nichts mehr von uns übrig sein. Gut also, ein paar selbstredende Reste früh genug zu sichern, in sogenannten "Zeitkapseln". Sie machen die Welt geschichtsfest und unser Leben zu einem Stück Historie. Rund 10 000 solcher Gehäuse sind weltweit schon unter die Erde gebracht worden, besonders die Amerikaner haben ihr Land unterirdisch mit Erinnerungsstücken gespickt. Da liegen die Kisten und harren des Tages, an dem sie wieder gehoben werden. Falls ein Mensch sie je wiederfindet. Denn die meisten wurden sorgfältig vergraben, sind aber nie wieder aufgetaucht. Obwohl ihre Liegezeiten längst abgelaufen sind.
Die Fahndung läuft. Im Hauptquartier Oglethorpe ist im Auftrag der Universität eine illustre Gesellschaft auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die "International Time Caspule Society" (ITCS). Das sind allen voran die Gründungsmitglieder Knut Berger (Autor), Brian Durrans (Anthropologe des Britischen Museums), William Jarvis (Bibliothekar der Washington State University) und Paul Hudson, Archivar und Dozent der Oglethorpe University in Atlanta. Hudson hat sich seit 1970 mit unzähligen Abhandlungen über "Zeitkapseln" nicht nur zum Experten geschrieben, er gilt weltweit als die Autorität. Die Erforschung der Zeitkapseln ist nämlich längst eine Wissenschaft für sich. Von Atlanta aus betreibt die ITCS historische Studien über versenkte Behälter, dokumentiert noch unter die Erde zu bringende Projekte und macht sich Gedanken über den Wert der Zeit und deren Konservierung. Ihre vordringlichste und liebste Aufgabe ist aber das Aufspüren der verschollenen Kisten. Mit Hilfe ihrer "Most-Wanted"-Liste, einem Suchaufruf an die Weltbevölkerung, hofft der Kapsel-Clan, die neun berühmtesten wieder aufzutreiben.

Eine fieberhafte Suche
Ganz oben auf dem Fahndungsindex steht der "Bicentennial Wagon Train", ein Zug, vollbesetzt mit 22 Millionen Unterschriften. Amerikanische Bundesbürger hatten sie 1976 gesammelt, um sie am historischen Datum des 4. Juli im Beisein von Präsident Gerald Ford zu versenken. So weit kam es gar nicht erst, weil Diebe den Lastwagen mit den verpackten Papieren kurz vor der Zeremonie aus dem Zugwagon stahlen. Seither gilt der Verbleib der Kapsel als "ungelöstes Mysterium". Genauso wie die Frage, was die Autogrammjäger mit den Millionen Unterschriften angefangen haben. Erinnerungen haben eben ihren Wert, deshalb sind seit den Anfängen der Vergrabungswelle vor rund 100 Jahren immer wieder herbe Verluste zu beklagen. Besonders ärgerlich war das im Fall der Middlesex Grammophone Company, heute "EMI", die im Jahr 1907 Originalaufnahmen der Opernsängerin Nelli Melba und andere Stars in einem Container vergrub. Die Platten wären heute von unschätzbarem Wert. Sicherheitshalber wurden sie in den Sechziger Jahren bei Erdarbeiten auf dem Gelände exhumiert und kurz vor der Umbettung in ihr neues Erdloch prompt von Dieben geklaut. Doch die größten Feinde der beerdigten Boxen sind nicht die Grabräuber, sondern die Kapselbauer selbst, weil sie oft zu ungeplant ihre Erinnerungen versenken. In sieben der neun prominenten Fälle überlieferten die Konservatoren so vage, wo sie ihre Schätze vergruben, dass die Hinterlassenschaften wohl für immer abgetaucht sind. Andernorts wurden beerdigte Kisten aus Unwissenheit zum zweiten Mal begraben ? diesmal unter mehrgeschossigen Neubauten.

In Zukunft sollen sich nicht mehr so viele Erinnerungen verflüchtigen, darum passt die International Time Capsule Society von Oglethorpe auf. Wie sie selbst ausgerechnet nach Oglethorpe geraten ist? Die Universität hat schließlich über 50 Jahre Erfahrung im "Zeit-Anhalten". Mit Thornwell Jacobs fing alles an. Der Lehrer und Priester aus der Einöde von Atlanta entdeckte 1915 bei historischen Studien zunächst die Tradition Oglethorpes wieder, jener Universität, die im amerikanischen Bürgerkrieg untergegangen war. Als Ein-Mann-Gründungskomitee erweckte Jacobs das Institut wieder zum Leben und wurde ihr Präsident. Mehr noch, er erkannte dadurch wohl seine konservatorische Kraft und "archäologische Pflicht", wie er in einem Magazinbeitrag für den "Scientific American" schrieb und entwickelte den "einzigartigen Plan, den Lauf der Geschichte und das angehäufte Wissen der Menschheit festzuhalten". Im Jahr 1939 hatte die Welt das Glück, dass er damit auch begann. Er presste die Zivilisation zwischen 35-Millimeter, auf Mikrofilm mit Cellulose-Acetat-Basis. Drei Jahre lang verfilmte er mit seinen Helfern Bibel, Koran und Dante´s Inferno, bespielte Tonbänder mit den Stimmen Hitlers, Mussolinis und Popeyes und zeichnete so ziemlich alles auf, was ihm zwischen die Finger geriet. Selbst das Originaldrehbuch zum Filmklassiker "Vom Winde verweht". Jacobs engagiertes Projekt zog Kreise von der Presse bis zur New Yorker Weltausstellung und wurde berühmt als die "Krypta der Zivilisation". Letztlich kamen 640 000 Mikrofilmseiten zusammen, die bis heute mit Lesegeräten und Projektoren "absolut wasserdicht" in einem umgebauten Swimmingpool eingelagert sind. Dessen Öffnung werden wir alle nicht erleben, denn die hat der Initiator laut ägyptischem Kalender erst für das Jahr 8113 vorgesehen.

Konservendosen mit Schraubverschluss

Für einen Bruchteil der Zwischenzeit sorgt die ITCS dafür, dass seine Kapsel nicht in Vergessenheit gerät. Sie ermuntert auch Hobby-Archivare zum Horten. Die läuten besonders dieser Tage beim Hauptquartier in Oglethorpe Sturm. Gut ein dutzend Anfragen bekommt Jacobs´ Nachfolger Paul Hudson täglich, weil 100 Tage vor Ablauf des 20. Jahrhunderts vielen auffällt, wie vergänglich Zeit ist. Davon profitiert jetzt die Erinnerungsindustrie, die sich in den USA formiert hat. Anbietern haben Kapsel-Bausätze für Jedermann im Programm zum Selberbestücken. Die Produktpalette beginnt bei der Lightversion ? die gibt es in Konservendosenoptik mit Schraubverschluss, wahlweise für Hochzeiten oder Geburtsfälle und sie kostet ewta 20 Dollar. Bis hin zur Profikapsel "nach eigener Bauanleitung" mit 500-Jahres-Garantie. Kostenskala: nach oben offen. Der eigentliche Wert steckt aber in der Kapsel. Das Festhalten?Können ist ein uralter Menschheitstraum. Zum einen wollen wir, das etwas von uns übrigbleibt, außerdem möchten wir steuern, was die Nachwelt über uns erfährt. Und wäre es nicht schön, direkt zu unseren Nachfolgern zu sprechen und Gedanken mitzuteilen, ohne den Umweg über den Salat? "Zeitkapseln" erfüllen uns gleich alle drei Wünsche auf einmal. Die Frage ist nur, was unsere Nachfolger in den überdimensionalen Überraschungseiern einmal finden. Was lange liegt wird nämlich oft nicht besser, sondern vom Zahn der Zeit zerfressen. Dagegen gibt die ITCS seit neun Jahren ihren Knigge für Hobby-Konservatoren heraus, als Arbeitsanleitung. Mit acht Schritten in die Ewigkeit.

Setzen Sie fest, wann die Nachwelt die Kapsel öffnen soll, lautet der erste. Eine 50jährige Wartezeit klingt attraktiv, weil die Erbauer gute Chancen haben, bei der Hebung der Kapsel dabeizusein, hundertjährige Kapseln sind die populärsten. "Je länger die Verweildauer, desto heikler wird die Aufgabe", mahnt die Gesellschaft, aber desto größer ist auch das Mysterium, findet Johannes Rühl, Kultur- und Sportamtsleiter im baden-württembergischen Rottweil. Rühl arbeitet an einer Zeitbox von beträchtlichem Ausmaß und an der ersten für ganz Deutschland. Er baut sie bislang völlig unbehelligt von den Tips der amerikanischen Vereinigung. Ob seine Kapsel deshalb bald zu den verschollenen Exemplaren gehört?

Rottweil im Überlebenstraining

Unwahrscheinlich, denn was in Rottweil zusammengebaut wird, ist gut präpariert um die angestrebten 100 Jahre wirklich zu überstehen. Von Silvester an sollen in der stählernen Box von Baden tausende von Briefen unter der Erde lagern, so lange, bis wir alle nicht mehr leben. Post für unsere Nachkommen, die im Jahr 2099 zugestellt wird, das war Rühls Idee vor zwei Jahren. Damit hat das Projekt bereits Punkt zwei des Konservator-Knigges erfüllt: "Suchen Sie sich einen Archivar." Rottweil hat einen ruhigen und gewissenhaften Nachlass-Verwalter. Der 45jährige Johannes Rühl - dunkle Haare, eckige Brille, studierter Ethnologe und Soziologe - ist ein realistischer Planer und ein philosophischer noch dazu. Für ihn ist die "Postbox" nicht nur ein Kunstprodukt, keine Installation wie die unzähligen Millenniumsaktionen, die andernorts schnell noch bis zum Jahr 2000 verwirklicht werden. Sie ist ein handfestes Historienprojekt. Ein Geschichtsbuch zum Mitmachen, in das sich ganz Deutschland eintragen kann. Wer als Geschichts-Schreiber eingehen will, muss nicht einmal sein Lebenswerk verfassen. Ein paar handgeschriebene Zeilen reichen schon. "Es kann ein Brief an die Enkel sein, Tips für Amtsnachfolger, die Geschichte der eigenen Familie oder Intimes, das man in diesem Leben niemandem mitteilen kann", so wünscht es sich der Erfinder. Das Erinnern lässt sich Rottweil 30 000 Mark kosten, schließlich winkt der Stadt als ideeller Lohn ein Stückchen Unsterblichkeit.

Rühls Riesenbriefkasten ist fast so sicher wie ein Safe. Der Edelstahlwürfel ist rostfrei und garantiert jahrtausendfest. Ein bisschen wuchtig wirkt der scharfkantige Block schon. Er misst einen Meter fünfzig im Quadrat, ist fast mannshoch und stellt sich dem Besucher in Erich Hausers Werkstatt silbrigglänzend entgegen. "Gut", mehr sagte der Bildhauer nicht, als er den ungewöhnlichen Auftrag annahm. Dabei ist der Würfel nicht eben eine künstlerische Herausforderung für ihn. Höchstens eine konstruktive, weil die 600 Kilo-Kiste später luftdicht verschweißt und ebenso hitze- wie kältebeständig sein muss. Diese Woche hat Hauser ihn fertiggestellt ? genau hundert Tage vor dem Millennium. Die Kiste ist blankgewienert und mit Wachs belegt, denn Fingerabdrücke gehören nicht zu dem, was die Rottweiler hinterlassen wollen. Nur 3,3 Kubikmeter Papier, und das soll trocken lagern, weshalb die Innenwände der Box mit saugfähiger Pappe beklebt sind, gegen das Kondenswasser. Eine Woche vor Einwurf im Dezember kommt dann die Post ins Trainings-Lager. Sie muss sich auf Rühls Balkon akklimatisieren, so haben die Konservatoren vom Württembergischen Landesarchiv geraten, sonst übersteht sie ihr vorläufiges Begräbnis nicht. Wenn in der Silvesternacht die ersten Böller krachen, wird die Rottweiler Postbox verschweißt. Dann folgen hundert Jahre Einsamkeit im Erdboden.

Was die Bundesregierung bewahren wollte...

Dass er die Box lieber nicht vergraben sollte, würde ihm die Capsule Society an dieser Stelle raten. Auf diese Weise sind zu viele Erinnerungen auf ewig beerdigt worden, sogar ganze Materialberge, wie die der Bundesregierung. Dabei füllen die einen ganzen Stollen. Die Regierung hatte sich Ende der Sechziger Jahre das stillgelegte Bergwerk "Barbara" am Freiburger "Schauinsland" gekauft, nachdem sie mit 69 Staaten in Den Haag ein Abkommen unterzeichnet hatte. Die "Konvention zum Schutze von Kulturgut bei bewaffneten Angriffen" war ein Produkt des Kalten Krieges und wurde 1967 Bundesgesetz. Sie war die schriftgewordene Furcht davor, jedwede Kultur könne sich in Rauch auflösen. Die Angst vor dem Atomschlag konnte die Republik nicht beseitigen, wohl aber vorsorglich ihre Schätze "endlagern", im atombombensicheren Bergwerksarchiv. Sämtliche Kunstschätze und Kulturgüter der "Dringlichkeitsstufe 1" wurden bis einschließlich 1983 verfilmt, verschweißt und 392 Meter tief im Erzstollen gebunkert. Das gesamte Unternehmen soll über 70 Millionen Mark gekostet haben und löste enorme Diskussionen aus, weil die Regierung ein seltsames Verständnis von Kunstschätzen zeigte: Für Kulturgrößen wie Kant, Beethoven, Einstein oder Thomas Mann hatte sie keinen Platz im Bunker, wohl aber für Luther, Hitler, Goebbels und den Plan vom Kölner Dom. Der Schatz der Deutschen - er lagert seitdem unbeweglich und bombensicher auf ewige Zeiten. So sicher, dass seine Hüter ihn schon nach 30 Jahren vergessen haben. Heute ist er verschollen im Bermudadreieck Bundesregierung und selbst dem Presse- und Informationsamt "ist ein solches Archiv nicht bekannt". Aber, "wir schicken morgen jemanden los, zum Suchen."

Fragt sich nur, was die Schatzgräber finden. Technisch wie konservatorisch birgt das Zeit-Anhalten ein Problem: Magnetbänder halten bei Zimmertemperatur 20 Jahre, von Mikrofilmen bleiben nach 30 Jahren nur noch Krümel, die CD-Rom bringt es auf immerhin fünf Jahrzehnte, aber wie spielen unsere Nachkommen all das einmal ab? Im Barbara-Stollen zu Freiburg stapelt sich das unkaputtbare Material, bloß Lesegeräte hat die Regierung nicht beigelegt. "Postbox" Initiator Rühl hat seine Box besser geplant und bei Konservatoren gefragt, was von unserem Jahrhundert übrigbleibt. Historisch gesehen zahlt sich zumindest die Erfindung von Recyclingpapier, Druckertinte Büroklammern und Plastikhüllen nicht aus, sie verrotten zu flott und verblassen zu schnell oder zersetzen auf Dauer alles, mit dem sie in Berührung kommen. Alle vier Materialien sollen nicht in die Kiste, rieten die Direktoren vom Landesarchiv Württemberg und dem Kreisarchiv Esslingen. Es erscheint als Ironie der Geschichte, aber Handarbeit hat immer noch die beste Halbwertzeit. Rühl fordert holz- und säurefreies, weißes Papier, mit Kulitinte beschrieben. Kontrollieren wird er die Postbox-Umschläge allerdings nicht, denn er nimmt das Briefgeheimnis ernst. Dafür gibt der Junggeselle seinen eigenen Erbgut-Code preis. Er wird ein Stückchen Fingernagel in die Arche Noah für Gedanken legen "für künftige Genforscher".

Alles, was für den Papierkorb zu schade war

Die Mischung macht´s. Als "repräsentative Auswahl von Objekten" definiert das Oxford English Dictionary die Zeitkapsel. Nur, was repräsentiert "das Leben einer bestimmten Zeit"? Rühl hofft auf eine bunte Runde der Eingelagerten: Ein Brief von Günter Grass wird hoffentlich dabeisein und einer des Wissenschaftlers Karl Friedrich von Weizsäcker, Rühls heimlichem Favoriten. "Und meinen Sie, der Papst würde da mitmachen?" Der Gedanke klingt ihm eigentlich "zu albern", anschreiben möchte er den Oberkatholiken trotzdem, wegen der Symbolik. Johannes Pauls Brief läge neben dem der Hausfrau aus Rottweil, den deutschen Dichtern und seinem Fingernagel. "In der Kiste sind wir alle gleich." Gleich in die Kiste wanderte auch vieles, was sich auf Andy Warhols Schreibtisch ansammelte. Er stapelte in über 600 Karteikästen Einladungskarten, Zahnarztrechnungen, Erotikbücher, alles, was für den Alltag zu alt, aber für den Papierkorb zu schade war. Wir alle produzieren solche "Time Capsules in Progress", aber für die Ewigkeit ist das entschieden zu beliebig. Besser, man bereitet sich geistig vor, wenn man gezielt etwas hinterlassen will, rät die Oglethorper Aufsichtsbehörde. Erstmal den Workshop für Selbstfindung und "Time in a Bottle" buchen, den gibt´s ab 13. Oktober bei den Smithonian Associates. Die Gesellschaft fühlt sich verantwortlich, die US-Kultur erhalten zu wollen. Was dringend nötig ist, schließlich haben die Amerikaner nicht allzuviel davon.

Anschließend darf gedacht werden. "Vergessen sie ihre Kapsel nicht!", erinnert die Caspule-Society zum Schluß. Den Rottweilern passiert das sicher nicht. Die Postbox bekommt eine steinerne Gedenkplatte. Darüber werden die Spaziergänger buchstäblich stolpern können, denn sie liegt mitten vor dem gotischen Kapellenturm, dort, wo die Archäologen vor wenigen Wochen die Keramikscherben mit den Salatsamen fanden. Noch sicherer als das Gedenken ist ein Anruf bei der ITCS, die seit ihrem Bestehen die kuriosesten Projekte dokumentiert hat: Flaschenspost-Kapseln im Ozean, die Zeitkapsel im Raumschiff "Voyager", die mit Tonaufnahmen und Erdfotos für Außerirdische durchs All flog. Und schon jetzt weiß sie von der Mission "Arktis". Japanische Wissenschaftler wollen 2001 ein Loch in den Südpol bohren, um Samen, Regenwasser, Luftproben und Erbgut zu konservieren. Oder ? auch darüber haben sie nachgedacht ? sie lagern die Zeugnisse globaler Umweltentwicklung gleich auf dem Mond ein, denn bei minus 230 Grad Celsius wäre zumindest das Überleben der tierischen Zellen sogar bis ins übernächste Millennium gesichert.